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Stressprävention in Unternehmen – heute wichtiger denn je

 

 

Wer heute von Stress spricht, benützt den Begriff überwiegend im negativen Sinne von „zu viel Stress“ und meint damit eine zu hohe Belastung bzw. Überlastung.

 

Die Zahlen zu diesem Thema sprechen eine eindeutige Sprache.

 

Schätzungen zufolge sind 2008 ca. 50 Milliarden Euro Kosten allein in Deutschland durch stressbedingte Erkrankungen entstanden, was 2-3 % des Bruttoinlandproduktes entspricht. Mehr als 60 % aller Ausfalltage in Betrieben und Unternehmen sind stressbedingt, Tendenz steigend.

 

Die WHO hat für dieses Jahrhundert Stress und seine Folgeerkrankungen als das zweithäufigste arbeitsbedingte Gesundheitsproblem und eines der größten Gesundheitsgefahren überhaupt erklärt.

 

Dabei ist Stress ein sehr nützliches biologisches Notfallprogramm, dass ursprünglich das Überleben von Individuen sichern sollte. Es versetzt uns in Gefahrensituationen in Sekundenschnelle in die Lage, entweder erfolgreich zu kämpfen oder zu flüchten.

 

Dabei kommt es, von der Natur eigentlich genial erdacht, zu massiver Stresshormonausschüttung als Vorbereitung für Flucht oder Kampf mit Anspannung der Muskulatur, Energiefreisetzung in Form von Zucker und Fetten in die Blutbahn, Stoffwechselaktivierung mit Puls- und Blutdruckerhöhung und nicht zuletzt geistig-mentaler höchster Aufmerksamkeit.

 

Nachdem die Gefahr gebannt war, konnten sich (bei unseren Vorfahren wenigstens) alle diese maximal stimulierten Organsysteme wieder erholen und nebenbei waren die Stresshormone aufgebraucht.

 

Das Problem heute ist nur, dass der moderne Mensch in aller Regel (aus gutem Grund) weder kämpfen noch flüchten kann und will, sondern aufgrund gesellschaftlicher Konventionen und Errungenschaften in der meist virtuellen Gefahrensituation ausharrt und dabei hofft, die bedrohliche Situation möge bald vorübergehen.

 

Der Preis jedoch ist, dass wir so gezwungenermaßen überwiegend oder ständig in diesem Notfallprogramm leben, mit all seinen Folgen.

 

Diverse Gründe, um dieses sog. Notfallprogramm auf Hochtouren laufen zu lassen, bietet unser modernes (Arbeits-)leben genug: ständig steigender Erfolgs- und Leistungsdruck, Arbeitsverdichtung, Schichtarbeit, Lärm, permanente Erreichbarkeit und moderne Kommunikationstechnologien mit überbordender Informationsflut, Über-, aber auch Unterforderung, Monotonie, mangelnde Anerkennung, Mobbing und nicht zuletzt die Angst um den Arbeitsplatz tragen in ihrer Summe dazu bei, dass wir uns ständig in einer Anspannung befinden. Und daher stammt ja ursprünglich auch das Wort „Stress“, es bezeichnet in der Materialkunde die Spannung oder den Druck auf ein Material.

 

Hinzu kommen dann oft noch Bewegungsarmut, ungünstige Ernährungsgewohnheiten, der Konsum von Alkohol oder Nikotin und ein Lebensstil, der Freizeit auch noch maximal verplant und terminiert.

 

Anhaltender Stress macht krank. War früher physischer Stress häufig ein maßgeblich belastender Faktor in der Arbeitswelt, so ist heute vor allem eine Zunahme von psychischem und emotionalem Stress zu verzeichnen.

 

Die Übergänge von Dauerstress zu chronischer Erschöpfung, Burnout und Depression sind fließend.

 

Rücken- und Muskelschmerzen, Magen-Darm-Störungen, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, Infektanfälligkeit können Folge einer anhaltenden und dauerhaften Stressreaktion sein.

 

Aber die moderne Stressforschung hat auch gezeigt, dass viele andere ernsthafte Erkrankungen wie chronische Entzündungen, Herzerkrankungen, aber auch Schlaganfall und Herzinfarkt auf das Konto von Dauerstress verbucht werden können. Und Dauerstress schädigt nicht nur die Gefäße sondern vor allem auch das Gehirn.

 

Die gute Nachricht lautet: Wir sind dem Stress und seinen krankmachenden Folgen nicht schutzlos ausgeliefert.
Und es gibt ja auch den guten Stress, den Eustress. Der immer dann auftritt, wenn wir eine Arbeit gut gemacht haben, wenn wir stolz sein können auf das Ergebnis und eine Anerkennung für unseren Einsatz erfahren. Oder, wenn wir einfach glücklich sind, zufrieden mit dem sind, was wir haben und sind, oder auch nur eine kleine Pause genießen, ein Lächeln zurückbekommen oder uns auf etwas freuen.

 

Der Königsweg wäre, den (negativen) Distress gänzlich vermeiden zu können. Da dies jedoch eine Illusion ist, tun wir besser daran, Stress so gut es geht zu minimieren.
Neben strukturellen Ansätzen wie beispielsweise der Gestaltung möglichst wenig belastener Arbeitplätze (Temperatur, Lärm, Ergonomie u.a.), Schaffung eines gesundheitsförderlichen Betriebsklimas (Vertrauen, Offenheit, Wertschätzung) mit flachen Hierarchien, Einführung von Teamarbeit, ausreichenden Pausenregelungen etc. sind vor allem indivduelle Maßnahmen entscheidend, um nicht in die Stressfalle zu gelangen.

 

Hier ist in erster Linie die Aufklärung und die Information, d.h. die Wissensvermittlung über entsprechende Zusammenhänge zwischen beruflicher (und privater) Belastung einerseits und möglichen Stressfolgen anderseits, aber auch den äußerst wichtigen Part des individuellen Lebensstils.

 

Die Identifikation sogenannter Stressauslöser und Stressverstärker, sowohl strukturell als auch individuell, steht immer am Anfang jeden Antistresskonzeptes.

 

Erst dann, eingebettet in ein Gesamtkonzept, folgen Stressbewältigungsmaßnahmen wie effektives Zeitmanagement, gesundes Selbstmanagement und sinnhafte Lebensführung (Work-Life-Balance, Bewegung, Ernährung, Denken), wirkungsvolle Entspannungsverfahren, regenerative Maßnahmen (Ressourcenpflege) und vor allem eine entsprechene Psychohygiene.

 

Hier haben sich neben verhaltensorientierten und kognitiven Ansätzen vor allem sogenannte achtsamkeitsbasierte Verfahren mit dem Focus auf Sinnhaftigkeit, Rhythmus, Entschleunigung und Gelassenheit bewährt.

 

Stressprävention ist eine Herausforderung für alle Beteiligten, und es gibt in diesem Szenario langfristig keine Unbeteiligten.

 

Angesichts der zunehmden Bedeutung, nicht zuletzt auch im Hinblick auf die demographische Entwicklung, und der gravierenden Folgen sowohl für die Unternehmen aus betriebswirtschaftlicher Sicht und die Gesellschaft aus volkswirtschaftlicher Sicht als auch für die Betroffenen selbst sollte Stressprävention nicht nur als Führungsaufgabe erkannt, sondern zur Chefsache ernannt werden.

 

Denn gesunde Unternehmen brauchen gesunde Mitarbeiter.

 

Um dieses nicht nur uneigennützige Ziel zu erreichen, eignet sich als ein wichtiger Baustein idealerweise die Integration eines für jedes Unternehmen individuell erstellten Stresskompetenzprogrammes in das übergeordnete Konzept der betrieblichen Gesundheitsförderung.

 

Gesundheitsvorsorge und Prävention im Unternehmen ist eine in vielfacher Hinsicht lohnenswerte und erhabene Aufgabe und Herausforderung, deren Stellenwert zukünftig nicht hoch genug angesetzt werden kann.

 

Denn wie sagte schon Schopenhauer: „Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts“.

 










 
 



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Dr. med. Harald Banzhaf 
ist Mitglied in der Landesärztekammer Baden-Württemberg.
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